Samstags-Lotto

Lebenslüge Lotto


Es war alles schnell erledigt, Routine wie gehabt.
Die üblichen Kandidaten würden wie immer keinen Gewinn haben.
Sieglinde ächzte unter der Last dieser Langeweile. Lustlos kramte sie in einem Stapel alter Entwürfe Dr. Bleichbreiers, die sie noch abtippen musste.
"Glück ohne Wiederkehr" - Emigration für Millionäre.
Sie seufzte tief und schüttelte den Kopf.
"Sagenhaftes Samstagslotto" - zum Stiftungsfest des Glücksritter-Dachverbands.
"Tipp nochmal, Sam" - die Psychologie des Dauerscheins.
Den Überschriften nach hätte man glauben können, Dr. Bleichbreier wolle sich um den Literaturnobelpreis bewerben. Die dazugehörigen Texte führten dann allerdings schnell wieder auf den Boden der Realität zurück.
"Der Glaube ans Glück" - Traktat über die Nützlichkeit des Irrtums.
Sieglinde schmunzelte.
"Zur Jahrestagung des DSV (Deutsche Systemspieler-Vereinigung)" entnahm sie einer Anmerkung. Sie begann zu lesen. Es war ein typischer Bleichbreier-Text. Ihr Chef liebte sein Lotto mit solcher Inbrunst, dass er sich sofort hoffnungslos im Labyrinth seiner eigenen Hymnen verirrte:
"Das Glück gehört dem Tüchtigen, und wer, meine verehrten Damen und Herren, würde für sich nicht in Anspruch nehmen, eben jener Tüchtige zu sein? Ich für meinen Teil, ich bin es zweifelsohne ! Vom Schicksal auserkoren, Herr allen Lottoglücks zu sein sage ich Ihnen, daß Sie Ihre Tüchtigkeit erst noch beweisen müssen, indem Sie tüchtig Lotto spielen..."
Sieglinde legte das Manuskript mit spitzen Fingern zur Seite und schüttelte den Kopf. Klassische Sonntagsrede. Nach fünf Minuten schläft der ganze Saal.
Sie beschloss, die Abwesenheit ihres Chefs zu nutzen und den Text etwas zu verfeinern. Es reizte sie, die bleichbreierschen Höhenflüge in die richtige Flugbahn zu lotsen.
Sie strich die Überschrift und schrieb statt dessen:
"Lebenslüge Lotto".
Das wird sie wach halten!
Dr. Bleichbreiers Vorliebe mit einem Zitat zu beginnen teilte sie. Allerdings bevorzugte Sieglinde Klassiker : "Nehmen sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und sie nehmen ihm zur gleichen Zeit das Glück." Ibsen, glaubte sie sich zu erinnern, die Wildente. Sie warf noch einen letzte Blick auf das Manuskript ihres Chefs und legte es dann kopfschüttelnd zu Seite. Wenn er sie nicht hätte! Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung ließ sie ihren Fingern freien Lauf.

"Unter allen Lügen ist die Lebenslüge die mächtigste. Und dabei schlechthin widersinnig. Gehört nicht zum Lügen, es wissentlich und absichtsvoll zu tun ? Eben das darf bei der Lebenslüge nicht der Fall sein. Sie würde sonst nicht funktionieren. Der Lügner muss an die Wahrheit glauben. Wie der Lottospieler an den Gewinn. Wehe, wenn er den Trug durchschaut. Nietzsche nannte das die biologische Nützlichkeit des Irrtums. Einem Lottospieler die Augen über seine tatsächlichen Chancen zu öffnen, kann entsetzlich enden: Mit der Kündigung des Dauerlottoscheins!
Nicht mehr Lotto spielen ! Ahnen sie, was das bedeuten würde ? Zu Ende wäre die Jagd nach dem Glück, dieser ständige Wechsel zwischen Hoffen und Enttäuschung. Die Folgen kannte schon Kant : Durch Aufhebung des Wechsels zwischen Vergnügen und Schmerz, also zwischen Beförderung und Hemmung der Lebenskraft, entsteht - Leere. Leere, in der die Zeit nur noch verrinnt, aber ohne Inhalt. Wir müssen nicht mehr Pascal Blaise bemühen, wir wissen auch so, was das ist: Langeweile !!1
Nicht mehr Lotto spielen, das ist die endgültige Konfrontation mit der Nichtigkeit des eigenen Daseins, das ist Langeweile, gefolgt von Trübsinn, Traurigkeit und Verdruss, ja gar Verzweiflung."
Sieglinde nickte zufrieden. Und damit hat er das Auditorium im Sack !
"Gegen Langeweile ist kein Kraut gewachsen, da beißen sich alle Philosophen die Zähne aus. Langeweile, das wäre das Ende. Wenn ...", und nun grinst Sieglinde über beide Backen, "... ja, wenn es unser Samstagslotto nicht gäbe. Die einzige Therapie, die Linderung verspricht, die Ihnen das Glück zurückbringt!
Lassen sie mich Ibsens Satz aktualisieren, denn heute würde er hier stehen und Ihnen mit mir zurufen: Nehmen sie einem Menschen das Samstagslotto, und sie nehmen ihm das Glück! - Spielen sie also weiter, liebe Freunde ! Die Kasse und die Systemscheine finden sie hinten links... .
Und ich, Dr. Bleichbreier, sorge dafür, dass ihr nicht gewinnt, und euch somit das Glück lange, lange erhalten bleibt."
Das letzte strich sie wieder und schrieb statt dessen: "(Langanhaltender Beifall und Gedränge an den Lottoannahmestellen)."
Sie lehnte sich zurück. Sollte sie sich jetzt die Fingernägel lackieren ? -
Ihr war einfach langweilig.

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