Samstags-Lotto

Das Lottoteam allein zuhaus - Kopie und Original

Durch die weitläufigen Flure des Lottotempels strich jene ungewohnte Stille, die die seltene bleichbreiersche Abwesenheit begleitete. Wie die Pause nach einem erleichternden Ausatmen, doch schon verbunden mit der Erwartung eines neuen, kräftigen Atemzugs. Alles kam zur Ruhe. - Wirklich alles?

In einem abgelegen Kellerareal arbeitete schon seit längerem eine Forschergruppe um Dr. No an der Kopie einer Samstagslottoziehung, die vom Original nicht mehr zu unterscheiden sein sollte. Ersten Misserfolgen, die auf Grund von Indiskretionen nach außen drangen, und die teils für Heiterkeit (wie das Auftreten einer 70-jährigen Lottofee, die zu allem Überfluss auch noch als Transvestit im Vorruhestand enttarnt wurde), teils auch für erbitterte Grundsatzdiskussionen sorgten ( wie die Verwendung eines 99-Kugel-Sets, oder die Simultanziehung mit ägyptischen und japanischen Kugeln), folgte eine von Dr. No verhängte strikte Nachrichtensperre.

Es war still geworden um das Projekt.

Deshalb war das Erstaunen auch groß, als Hochwürden Salwarth in seiner Freitagsansprache die Ankündigung einfließen ließ, der Testlauf der Ziehungskopie solle dieses Wochenende starten . Er, Salwarth selbst, wäre, wie er dabei wortreich betonte, seit geraumer Zeit als philosophischer Berater bei Dr. No tätig, und allein sein Mitwirken an dem kühnen Projekt habe wohl eine entscheidende Wende herbeigeführt. Den Durchbruch, sozusagen!

So strömten fast alle an diesem Freitagabend zu dem angekündigten Test in den Forschungskeller, wo sie ein in warmes Licht getauchter Saal und ein kaltes Buffet erwarteten.

"Was ist denn hier los?" knuffte die dem Menschenstrom gefolgte Zuziehfrau den Bordingenieur Schlier in die Rippen. Sie war seit längerem wegen ruhestörenden Klapperns mit ihrem Meditationseimer aus Hochwürden Salwarths Predigtstunden verbannt und somit nicht immer auf der Höhe der Ereignisse.

"Ist Dr. Bleichbreier schon mit seinem Wein zurück?"

Schlier, der solche Anbiederung hasste wie überflüssige Gebrauchsanweisungen, klärte sie kurz angebunden über das erwartete Ereignis auf, nahm der Widerstrebenden den Putzeimer ab und gebot ihr, für die nächste halbe Stunde den Mund zu halten. In diesem Moment erschien auch schon Dr. No auf der Bühne, die ohnehin martinifarbene Haut vielleicht noch etwas grüner als sonst, verneigte sich kurz nach allen Seiten und begann:

"Ihre häufigste Frage war, welchen Sinn die exakte Kopie einer Lottoziehung haben könne. Gestatten Sie mir daher einige einführende Worte, bevor wir mit dem ersten öffentlichen Test beginnen.
Wir leben in einer Zeit, in der die Reproduktionsprozesse längst die Oberhand über die Produktionsprozesse gewonnen haben. Nehmen Sie die Mode als Beispiel. Wie viel Nostalgie- und Revival-Looks kommen auf eine echte neue Mode? Wir sind längst von allen Seiten von Kopien umgeben, unser Denken und unsere Vorstellung sind von der Reproduktion kultureller Klischees bestimmt, und bald werden wohl auch unsere Körper kloniert werden.
Zwei Dinge aber, mögen sie auch noch so identisch sein, unterscheiden sich. Nicht materiell, sondern durch ihre Aura, ein Begriff, den ich schon früher mit Walter Benjamin erarbeitet habe. Walter meinte, dass die Aura das Verhältnis des Gegenstands zu dem Ort ist, an dem er sich befindet, dem äußeren Kontext. Nicht die Seele befände sich im Körper, sondern der Körper in der Aura, der Seele. Mit dieser Hypothese ist er gescheitert. Und ich werde ihnen heute auch beweisen, warum.
Es ist nämlich weder so, dass die Seele im Objekt wohnt, noch das Objekt in der Seele.
Vielmehr ist die Seele oder Aura, oder wie immer Sie das Nichtfaßbare nennen wollen,
an ein Objekt gebunden! An einen Menschen, an einen Gegenstand oder, warum nicht auch, an ein Ereignis.
Wir alle kennen Menschen, die die Fähigkeit haben, eine Aura an etwas zu binden, Gegenstände zu beseelen. Künstler, zum Beispiel."
 

Er deutete auf die Zuziehfrau.
"Ihr Meditationseimer, äußerlich völlig identisch mit Tausenden anderer Blecheimer, ist so ein Beispiel. Oder die Kugelsets unseres ...", er sah sich suchend um, "...leider nicht anwesenden Dr. Bleichbreier. Ihre Aura ist einmalig. nicht übertragbar, an seine Sammelstücke gebunden.
Wenn es uns aber gelingt, einer Kopie die Aura des Originals einzuhauchen, wäre endlich die Schlüsselfrage der Philosophie des 21.Jahrhunderts gelöst, nämlich die Frage nach dem Schicksal der Kopie in unserer Kultur. Muß sie ewig Kopie bleiben, wie viele meinen? Sie kennen Dr. Bleichbreiers Schrift: Die Lottoziehung im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Er bangt ums Original! Völlig unsinnig, heutzutage! Auf die Kopie kommt es an! Ist eine Canon ..."

Seine Stimme schwoll.

"... ist eine Nikon ..."

Seine Stimme füllte den ganzen Raum, ließ keinen Platz mehr,

"... ist eine Olympus nicht längst einer Leica ebenbürtig, ja, überlegen??"

Kein Zweifel, während des letzten Satzes war er selbst sichtlich gewachsen. Es war keine optische Täuschung, der kleine Japaner schwoll an.

"Wir wollen heute mit unserer Demonstration einen Meilenstein setzen mit dem eine neue Epoche beginnt. Wir wollen beweisen, dass die Kopie dem Original endgültig den Rang abgelaufen hat! Vorhang auf!"

Er hatte nun sichtliche Mühe, seine inzwischen gut Zweimeterfünfzig im für ihn vorgesehenen Gestühl im Zuschauerraum unterzubringen. Es gelang nicht ohne leichtes Zischen entweichender Aufgeblasenheit. Doch das Augenmerk der Versammlung richtete sich auf den Wandel der Bühne.

Im gleißenden Licht der Ziehungsszenerie trat eine Lottofee auf, wie sie schöner nicht sein konnte, wiegte grazil stöckelnd ihre Hüften um das Ziehungsgerät wie dereinst Kerstin-Maria, um die bekannten Sätze zu sprechen und auf den unsichtbaren Ziehungsanwalt hinzuweisen.

Es war mucksmäuschenstill im Saal, als die ersten Kugeln in die dafür vorgesehenen Behältnisse purzelten.

Sieglinde stockte das Herz : 6 - 13 - 17 - 24 - 43 - 47 . Das waren exakt die Zahlen, die P. F. Dornstreich seit geraumer Zeit spielte, und die Dr. Bleichbreier bislang so erfolgreich eliminiert hatte. Jetzt fehlte nur noch die 2 als Zusatzzahl.

"Und die Zusatzzahl ist ... 2!"

Die kühle Stimme der Lottofee ging unter im Ächzen der Vorzimmerdame und dem Applaus des Publikums. Wie gut, dass Dr. Bleichbreier nicht anwesend war!

Dr. No erschien wieder auf der Bühne, mit einsfünfundachzig auf ein ertägliches Maß zurückgeschrumpelt.

"Diese Kopie ist das Original!!!" verkündete er. Und was immer morgen im Fernsehen übertragen wird ist die Kopie, ist unecht bis zur Zusatzzahl! Mag es auch noch so als Original auftreten ..."

Während alle aufgeregt diskutierend zum kalten Buffet strebten, wusste Sieglinde, wie recht er hatte. Selbst die Zusatzzahl würde 3 sein. Und P. F. Dornstreich wie immer ohne Gewinn.

 

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