Samstags-Lotto
Santa Breier
Es war
natürlich eine Schnapsidee, die Gewinne in der vorweihnachtlichen Zeit zu
staffeln. Ein Gewinn am ersten Advent, zwei Gewinne am zweiten Advent, drei am
dritten, und schließlich, man wagt es kaum auszusprechen, vier Gewinne am
vierten Advent! Die Idee kam von Sorella Bruno, der schon etwas in die Jahre
gekommenen Novizin Hochwürden Salwarths, nicht alt genug allerdings, um von Dr.
Arthur Bleichbreier höchstpersönlich eine ordentliche Abreibung in Form einer
veritablen Tracht Prügel verabreicht zu bekommen.
Aber die Idee
war nun einmal in die Welt gesetzt, und wie das so ist mit Gedanken, die im Kopf
die aberwitzigsten Kapriolen straffrei vollführen können, die nach Belieben
Farbe wechseln oder in Karrierekaskaden wüsteste Abgründe überwinden, die aber,
sobald sie einmal ausgesprochen, aufgeschrieben oder anderweitig aus dem Kopf in
unsere Welt entlassen worden, beginnen, ihr Eigenleben zu entfalten. Und zwar
nach den Regeln dieser Welt. Einmal in die Welt gesetzt, sind sie durch
niemanden und nichts zu beeinflussen oder gar zurückzuholen. Sie verlassen das
Haus wie flügge gewordene Kinder, denen man nur noch hinterher rufen kann: Von
mir hast du das aber nicht...! Aber es ändert nichts. Niemand kann mehr
beanspruchen, das wäre schließlich sein Gedanke, mit dem er machen könne, was
immer er wolle. Im Kopf, würde dieser Gedanke kompromisslos antworten, sicher,
im Kopf hättest du das wohl tun können, aber jetzt werde ich mich einen Teufel
um meinen Urheber scheren, jetzt gehöre ich allen, jetzt gehör' ich der Welt! In
diesem Fall: dem Lottotempel.
Seit Beginn
der Adventszeit verharrt Dr. Bleichbreier jetzt schon in seinem Chefsessel und
grübelt. Die rot blitzende Weihnachtsdekoration aus bemalten, handvergoldeten
Lottokugeln links und rechts von ihm, verleiht ihm dabei die Aura stiller
Erwartung. Ihre festliche Fröhlichkeit und der Schein von 49 hand gezogenen
Bienenwachskerzen lassen ihn jung und tatkräftig wirken, aber alt ist er in
seinen weisen Worten, die er ein ums andere Mal vor sich hin murmelt:
"Die Welt könnte nicht fortbestehen, wenn sie nicht so einfach wäre...!"
Vor ihm, auf
der intarsienverzierten Tischplatte seines Schreibtischs, liegen massenhaft
Zettelnotizen und Berichte über das Für und Wider von vier Gewinnen bei einer
einzigen Ziehung. Neben ihm sitzt liebevollen Blicks Sieglinde, die ihm
vertraute Vorzimmerdame, ihm gegenüber die drei Weisen Dr. h.c.multi Grasslhauer,
Dr. No und Hochwürden Martin Salwarth. Ihrer aller Blicke sind auf das Bündel
von Ideen gerichtet, das aus Sorella Brunos achtlos hingeworfenem Satz geboren
wurde.
"Hosiannah!"
ruft die Zuziehfrau den im Schatten des großen Raumes lagernden Mitarbeitern zu,
die, allesamt angelockt von der frohen Botschaft der vier Gewinne,
erwartungsvoll die Szene betrachten. Das Frohlocken der Zuziehfrau bezieht sich
auf die ständig anwachsende Zettelflut, der sie mit ihrem prächtig geschmückten
Festtagsbesen kaum mehr Herr wird.
"Hosiannah,
eine Idee ist uns geboren!"
Da sie
außerhalb der Reichweite Dr. Bleichbreiers herumtanzt, ist ihr Lobgesang nicht
zu stoppen.
Natürlich ist
die Welt einfach, das wissen alle, auch für vier Gewinne am nächsten
Adventssonntag gäbe es eine natürliche Lösung, wäre das Ganze ein zufälliges
Ereignis. Was die Welt kompliziert macht, ist das gesprochene Wort. Nicht
umsonst gelten eher wortkarge Völkerstämme, die sich selbst in lebenswichtigen
Situationen nur ungern zu einer Äußerung hinreißen lassen, als besonders
verträglich. Erst mit der Erfindung des Denkens wird die Welt kompliziert, denn
das Denken wurde erfunden durch ein einfaches Wort: Warum?
"Warum vier
Gewinne?"
"Ist doch nicht so schlimm, wir können uns das leisten!"
"Leisten? Darum geht es gar nicht! Warum soll ich hier Gewinne verteilen wie der
göttliche Sämann? Glauben denn alle, ich hätte einen großen Sack, aus dem ich
beliebig viel herausholen kann? Wissen die nicht, wie schwer ich an jedem Gewinn
trage?"
"Daran ist nur meine Novizin mit ihrem losen Mundwerk schuld, wenn ich die
erwische...!"
"Ach diese Novizinnen, du weißt es ja: a) gehen sie andere Wege, als wir es
wollen, und b) sind sie nie da!"
Sorella Bruno ließ sich in der Tat seither nicht mehr blicken. Nehmen wir einmal
an, um einer weiteren Tracht Prügel auszuweichen.
"Es wird Zeit für die Ziehung..."
"Gehen wir!"
Und so begab
sich die Lottofamilie bedrückten Mutes in den großen Ziehungssaal, wo festlich
gekleidete Lottofeen bereits mit der letzten Adventsziehung begonnen hatten.
Unterwegs hatte sich auch noch der eiskalte Herr Mettmann aus dem
Finanzministerium dazugesellt, der seine große Stunde witterte.
"Ich habe
gehört, vier Gewinne würden heute gezogen! Da muss ich dabei sein!"
Unversteuerte Gewinne waren seine Leidenschaft, und seine Augen funkelten in
Vorfreude auf das Fest.
Aschfahl lauscht der Lottochef, gestützt von Sieglinde, im Schatten der goldenen
Ziehungstrommel dem Klacken der Lottokugeln. 34, 37, 38, 43, 44. Jetzt noch die
47, und vier Gewinner würden feststehen.
"Und die
letzte Zahl ist die 47!"
Und dann:
"Als Zusatzzahl die 3!"
Gott sei Dank
ungefährlich, keine weiteren Gewinner. Dr. Bleichbreier will gerade aufatmen,
als aus der Kuppel des großen Ziehungssaals eine altväterliche Stimme ertönt:
"Und nicht vergessen, Arthur, am Heiligen Abend den Jackpot!"
Dr.Bleichbreier duckt sich, wie unter einem Peitschenhieb.
"Bin ich froh, daß das bald vorbei ist!", knirscht er, und besteigt seinen
Schlitten.
"Komm, Sieglinde, wir haben noch einen weiten Weg. Aber Silvester machen wir
wieder, was wir wollen...!"
Die Rentiere
zogen an, und während die Pressevertreter aufgeregt die Nachricht von den vier
Gewinnern an ihre Redaktionen mailen, fliegt der Schlitten des Lottochefs in
weitem Bogen über dem Lottotempel gen Norden, einen langen silbernen
Kometenschweif hinter sich herziehend. Ein Schweif funkelnder Lottokugeln
rieselt sachte zur Erde hernieder, als der Schlitten schon lange nicht mehr zu
sehen ist. Oder waren das Gewinne ?