Samstags-Lotto

Legenden und Mythen

Wie so oft in der dunklen Jahreszeit, rückte man eng zusammen und erwartete den Beginn der Montagsfortbildung. Die knisternde Spannung entlud sich, als auf die Minute pünktlich um 20 Uhr Dr. Arthur Bleichbreier das Podium betrat. Begleitet von Ah!s und Oh!s, von Ausrufen, die alle Facetten des Spektrums zwischen Neugier und Entsetzen abdeckten, zog er eine sonderbare Gestalt hinter sich her in den Lichtkegel der Bühnenscheinwerfer. Ein männliche Wesen, das, obschon es ihm freiwillig zu folgen schien, ein festes Band um den Hals trug, an dem es vom Lottochef an der kurzen Leine geführt und nun routiniert am Rednerpult angeknotet wurde.

Für Dr. Bleichbreier war das ein gewohnte Umgang, aber das Publikum - der große Konferenzsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, sogar auf den Stufen und entlang der Rückwand drängelten sich die Schaulustigen - war wie erstarrt. Niemand konnte sich erinnern, in den letzten Jahren ein derart prächtiges lebendes Exemplar dieser Spezies zu Gesicht bekommen zu haben, doch hätte jeder auf Anhieb weit mehr als nur eine der ungezählten Mythen, die sich sie rankten, zum Besten geben können.

Vom Ziehungsanwalt Dr. h.c. multi Grasslhauer erzählte man sogar, er hielte sich einen privat. Vor Jahren schon hätte er ihn mit unhaltbaren Versprechungen in seine Villa gelockt, und beschäftige ihn nun mit dem Ausfüllen von Systemscheinen zu Testzwecken.

Das heutige Objekt dieses allgemeinen Interesses stand reglos auf der Bühne und hielt den Kopf gesenkt. Die dunklen Haare ringelten sich in fett wirkenden Locken über die schweißnasse Stirn, darunter zwei unruhige Augen, die die ungewohnte Umgebung musterten.

"Sklaventreiber!", tönte es da laut und vernehmlich aus der hintersten Reihe.

Eine Provokation sondergleichen! Dr. h.c. multi Grasslhauer fuhr herum.
"Wer war das?"
Als Ziehungsanwalt war er nicht nur für korrekte Manipulation bei den Ziehungen, sondern ebenso für politisch einwandfreien Sprachgebrauch zuständig.
"Sklaventreiber!", insistierte die Stimme frech.

Wie bei einer Oscar-Verleihung wiesen alle Blicke auf Hildegard H., die Zuziehfrau, die sich langsam erhob. Im Scheinwerferlicht des Regie-Spots funkelten die Pailletten ihres prächtigen Fortbildungskittels. Mit der linken Hand schwenkte sie demonstrativ ihren winzigen 'Nürnberger Eimer', ein Produkt jener altfränkischen Firma, die dereinst mit dem 'Nürnberger Trichter' Furore machte. Ungeklärt ist allerdings, ob sie den 'Nürnberger Eimer' als Insignie ihrer nahezu waghalsigen Redlichkeit trug, oder nicht doch eher ihrer tsunamen Redseligkeit, wie böse Zungen behaupteten.

Dr. h.c. multi gebot rein vorsorglich Ruhe und richtete seinen inquisitorischen Zeigefinger auf die Zuziehfrau..

"Etwas mehr Sensibilität mit der Sprache, wenn ich bitten darf!", sagte er scharf.
"Leichtfertiger Umgang mit solchen Worten transportiert missliche Vorstellungen. Sprache und Ideologie sind enger verbunden, als sie denken! Wenn so etwas einreißt, geht es bei uns bald zu wie bei den Hottentotten!"
Er ließ seinen Vergleich wirken, setzte dann aber noch nach:

"Und zweitens ist das ein Halsband von Cartier. Ein bekanntermaßen probates und bewährtes Lockmittel!"
"Ob Cartier oder Glasperlen ist doch egal! Als freiberufliche Gleichstellungsbeauftragte kann ich nicht dulden, daß ein Mann mit Halsband herumgeführt wird! Das ist mindestens Zweckentfremdung... ."

Dr. Bleichbreier beeindruckte dieser Disput wenig, doch löste er ohne Aufhebens das Band und ließ es lässig in die Tasche gleiten. Er wusste wahrlich bessere Verwendung dafür, als sich darum zu streiten. Seinen Begleiter, dessen Gesichtszüge eher ratlose Neugier als persönliche Anteilnahme verrieten, wies er an, neben dem Rednerpult zu verharren, was auch widerspruchslos befolgt wurde. Offensichtlich bewog ihn das skurrile Ambiente, zunächst energisch abzuwarten.

"Mit seinen nervös malmenden Kaumuskeln," dachte Sieglinde, und sie war sich da ganz sicher, "sieht er aus wie ein Kampfesser."

Sie kannte Kampfesser aus den Schilderungen Commander Tiebreaks. "Damals, als ich noch jung war...", so begannen alle Geschichten Sir Nettlebeck Tiebreaks, mit denen er ihr manchen Après-Ziehungsabend versüßt hatte. Am liebsten hörte sie die von den Kämpfen auf den Breakfeast Battlefields. Wenn der Commander mit seiner Bande um die Häuser gezogen war, wie immer auf der Suche nach einer Horde rechter Teufelsweiber. Aber Teufelsweiber waren nie in Sicht, so daß sie sich endlich heftig fluchend im Wirtshaus niederließen, um grobe Reden zu führen. Dabei wurde, trotz heftigster Gegenwehr der Aushilfskellner, so manches schwere Buffet restlos aufgerieben. Ja, das war Commander Tiebreak mit seinen Kampfessern. So ein Typ musste auch das Wesen neben Dr. Bleichbreier sein! Sieglinde stellte ihn sich vor, wie er sich in Kampfausstattung aus erstklassigem Tafelsilber mit aufgepflanzter Vorleggabel durch feindliches Sperrfeuer aus Plumpudding und Roter Grütze vorarbeitete.

Erschreckt zuckte sie zusammen, als sie den Ellenbogen von Jungfee Lolly zwischen ihren Rippen spürte.

"Hast du seine Hände gesehen?"
"Was ist damit?"
"Schönheitschirurgie! Ich bin sicher, er hat Handvergrößerung!"
Dabei schmunzelte sie.
"Hat mein Freund auch. War ein Weihnachtsgeschenk von mir... ."
"?"
"Naja", reckte sie ihr üppiges Dellekote in Sichthöhe, "es soll doch alles zusammenpassen."
"Pssst! Es geht los!"
 

"Im Rahmen unserer Montagsvorlesung heiße ich sie alle herzlich willkommen! Es ist mir eine besondere Freude, ihnen heute etwas Besonderes präsentieren zu können: Einen leibhaftigen Lottospieler!"

Die Aufregung legte sich allerdings schnell, als er begann, in epischer Breite von den Umständen dieses seltenen Fangs zu erzählen, bei dem das Cartier-Halsband eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Das ganze zog sich zäh wie ein Strudelteig und die ersten Jungfeen begannen, mit Systemscheinen zu werfen, die vom Lottospieler begierig aufgenommen und ausgefüllt wurden.

"Bitte nicht füttern!", schreckte der vortragende Lottochef auf, "er befindet sich nicht in seiner natürlichen Umgebung!"
Endlich gestattete er dem Publikum, Fragen zu stellen. Natürlich wurde, einem alten Brauch folgend, keine der Fragen beantwortet. Denn nichts hält die Erinnerung an einen gelungenen Abend länger wach, als offene Fragen.

Schüchtern hob schließlich der Lottospieler die Hand.

"Darf ich auch etwas fragen?"
"Nur zu!"
"Was verdient man so als Lottochef?"
Schweigen.
"Naja, sie bekommen doch ein Managergehalt; haben sie auch noch Nebeneinkünfte?"
Schweigen.

Schließlich erbarmte sich Hildegard H., die ihrem Naturell zufolge diesen Dingen gegenüber ein erfreulich unkompliziertes Verhältnis pflegte.

"Das sind keine Arbeitsgehälter, das sind Schweigegelder! Darüber kann man nicht sprechen!"

Bevor das Thema eskalieren konnte, schob Dr. Bleichbreier den Lottospieler sanft, fast konnte man meinen zärtlich, in Richtung Ausgang. Trotz aller Distanz war deutlich zu spüren: Dr. Bleichbreier liebte die Lottospieler. Wenn auch auf seine Art! Die Lottospieler wären natürlich viel lieber auf ihre Art geliebt worden. Und eigentlich wäre es so einfach gewesen, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, doch wie sie auch tippten, so sehr sie sich auch sehnten, ihre Zahlen blieben ungezogen. Dr. Bleichbreiers Liebe war stärker.

Dieses leichte Wörtchen, das alle so sehnsüchtig erwarteten, es blieb bei ihm hinter den Zähnen stecken. Niemals sprach er es aus. Einfach war das nicht für ihn, das darf man nicht glauben, er musste wirklich viel dafür tun! Manchmal grenzte es fast an ein Wunder, das er zur Ziehung am Samstagabend noch sechs Zahlen übrig behielt. Doch keine Mühe war ihm zu groß, um dieses Wort nicht aussprechen zu müssen: Gewinn!

So entließ er auch diesen Lottospieler mit guten Worten und kehrte allein noch einmal auf die Bühne zurück. Suchend blickte er ins Auditorium. Sieglinde hoffte inbrünstig, er würde sie auswählen, aber er deutete nicht auf sie, er deutete auf die neben ihr sitzende Jungfee Lolly.

Und manche behaupten noch heute, sie hätten dabei das Halsband in seiner Tasche klimpern hören.

 

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